Friederike Siller und Hanne Walberg
Computer und Internet werden seit einigen Jahren auch in der Schule zunehmend eingesetzt. Dabei verändert sich der Schulalltag nachhaltig und es entstehen ungewohnte Perspektiven: Eine Internetrecherche führt zu Ergebnissen, die dem Lehrbuch widersprechen; die Schüler nehmen unterschiedliche Wege durch einen Hypertext, so dass die Klasse nicht synchron arbeitet; manche Schüler kennen sich mit der Computernutzung besser aus als der Lehrer, sind also in diesem Bereich Experten und der Lehrer ist Lernender.
Eine Aufgabe der Medienpädagogik ist es, diese Veränderungen in den Blick zu nehmen und angemessene Handlungsoptionen zu entwickeln. Was ändert sich zum Beispiel durch den Einsatz neuer Medien im Unterricht? Wie können sich Lehramtsstudierende, Referendare und Lehrer auf ein Arbeiten und Unterrichten mit diesen Medien vorbereiten? Wie entsteht medienpädagogisch professionelles Handeln?
Das Projekt MeKoLLI
Im Rahmen des Projektes „Medienpädagogische Kompetenz bei Lehramtstudierenden und LehrerInnen“ (MeKoLLI) wird derzeit eine Lernanwendung erstellt, die Lehramtsstudierende, Referendare und Lehrer beim Erwerb medienpädagogischer Kompetenz unterstützen soll. Gefördert wird das Projekt MeKoLLI vom E-Learning Consortium Hamburg (ELCH), einem hochschulübergreifenden Expertengremium, das gegenwärtig im Rahmen des Hamburger Sonderprogramms „Projektförderung E-Learning und Multimedia“ verschiedene Projekte an Hamburger Hochschulen fördert.
MeKoLLI wird in Kooperation mit Prof. Dr. Sigrid Blömeke, Humboldt Universität Berlin, dem Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung in Hamburg sowie der Behörde für Weiterbildung und Schule entwickelt. Mitarbeiter ist neben den Autorinnen Marten Oosterhoff, die Leitung des Projekts liegt bei Prof. Dr. Stefan Aufenanger.
- Ziel des Programms ist der Aufbau medienpädagogischer Kompetenz.
- Methodisch orientiert sich das Programm am fallbasierten Lernen.
- Gegenstand des Programms ist das Lehren und Lernen mit neuen Medien in der Schule.
Medienpädagogische Kompetenz
Im Bereich der Lehrerausbildung – speziell im Zusammenhang mit dem Einsatz neuer Medien in der Schule – wird zur Zeit der Begriff der medienpädagogischen Kompetenz diskutiert. Ähnlich dem Konzept der Medienkompetenz wird dieser meist anhand einer Reihe unterschiedlicher Teilfähigkeiten umschrieben, die in medienpädagogischen Handlungsfeldern erforderlich sind. Nach Blömeke (2000) setzt sich medienpädagogische Kompetenz aus fünf Teilkompetenzen zusammen:
- Mediendidaktische Kompetenz als Fähigkeit zur reflektierten Einbettung von Medien in geeignete Lehr- und Lernformen
- medienerzieherische Kompetenz als Fähigkeit, Medienthemen im Sinne pädagogischer Leitideen in den Unterricht einzubeziehen
- sozialisationsbezogene Kompetenz als Fähigkeit zur Wahrnehmung und konstruktiven Berücksichtigung der Lernvoraussetzungen der Schüler
- Schulentwicklungskompetenz als Fähigkeit zur innovativen Gestaltung der Rahmenbedingungen medienpädagogischen Handelns in der Schule
- Medienkompetenz, als Fähigkeit zum sachgerechten, kreativen und sozialverantwortlichen Handeln im Zusammenhang mit Medien.
Medienpädagogische Kompetenz stellt ein komplexes Handlungsgefüge dar. Die einzelnen Komponenten greifen ineinander, können aber je nach Situation unterschiedlich gewichtet sein. Die Inhalte des Programms MeKoLLI beziehen sich auf die verschiedenen Dimensionen medienpädagogischer Kompetenz nach Blömeke (2000).
Weinert (2001) unterscheidet drei Formen von Kompetenz: Wissen (im Sinn fachlicher Kenntnisse), Können (im Sinne einer Handlungskompetenz) und fächerübergreifende Kompetenz (im Sinne der Fähigkeit, Probleme zu lösen oder Lernprozesse eigenständig zu organisieren). Mit dieser Einteilung erfolgt eine Abgrenzung von der in der Lerntheorie lange Zeit vorherrschenden Vorstellung, erlerntes Wissen sei ohne weiteres auf beliebige ähnlich strukturierte Situationen transferierbar.
Wäre dies der Fall, so könnte sich die Medienpädagogik darauf beschränken, Lehramtsstudierenden und Lehrern Faktenwissen – z.B. über das Lehren und Lernen mit Medien – zu vermitteln. Doch dem komplexen Kontext jeder einzelnen Situation und jedes einzelnen Problems wird man damit nicht gerecht. Dem Ansatz von Weinert (2001) folgend geht es bei dem Konzept der medienpädagogischen Kompetenz um den gleichzeitigen Erwerb von Wissen und Können.
Lernen am Fall
Eine systematische Einbindung der integrativen Sichtweise von „Wissen“ und „Können“ in die universitäre Lehre bietet die an der Harvard University ausgearbeitete Fallmethode, die seit Ende der 80er Jahre in den anglo-amerikanischen Ländern bei der Gestaltung der universitären Ausbildung eine wichtige Rolle spielt.
Bei diesem Ansatz geht es darum, an realistischen Problemen zu lernen. Beispielsweise muss ein Studierender der Ökonomie einen Bussinnes-Plan erstellen, der einem erfolgreichen Internetunternehmen den Gang an die Börse ermöglicht. Dazu wird die Problemstellung so wenig wie möglich vereinfacht, so dass sie in ihrer Komplexität der Situation in der Praxis ähnelt.
Lernsituationen werden also durch authentische Anwendungssituationen gestellt. Bei der Auswertung wird die gesamte Herangehensweise des Lernenden betrachtet, nicht nur eine isolierte Komponente von Kompetenz wie z.B. Faktenwissen. Dieser Lernansatz erlebte in den letzten Jahren eine kleine Renaissance. Ein Grund dafür sind die Möglichkeiten von Multimedia, zu denen z.B. die Erstellung aufwendiger Simulationen gehört.
Komplexe Probleme können so im universitären oder schulischen Rahmen lebensnah dargestellt werden. Auch die Konsequenzen verschiedener Lösungsvorschläge lassen sich simulieren ohne dass das Umfeld gefährdet wird. Diese Art der Arbeit erlaubt eine konkrete Auseinandersetzung mit verschiedenen Handlungsoptionen.
Der Lerntheoretiker und Computerwissenschaftler Roger Schank (1995) radikalisiert den Ansatz des fall-basierten Lernens, indem er die Bearbeitung eines Falles in Analogie zu neuronalen Denkprozessen interpretiert. Seine Aussage „We think in terms of cases”
macht deutlich, dass er diese Lernweise als die „natürlichste“ Lernform betrachtet.
MeKoLLI – Medienpädagogische Kompetenz am Fall entwickeln
MeKoLLI ist ein fall-basiertes, multimediales Lernangebot; Ausgangspunkt für den Lernprozess ist jeweils ein Fall, bei der Darstellung des Materials werden mehrere Präsentationsformen kombiniert – das Programm enthält Videos, Texte, Audio-Dateien und Grafiken. Inhaltlich geht um das Lehren und Lernen mit neuen Medien in der Schule.
Zu Beginn jedes Moduls wird der Anwender mit einer konkreten und authentischen Problemsituation konfrontiert, die die thematische Klammer für die weitere Bearbeitung bildet. Dieser Einstieg soll es ihm ermöglichen, Bezüge zu seinem Vorwissen und zu seinen Erfahrungen herzustellen und aktiv nach Lösungen zu suchen. Er soll angeregt werden, sich eigenständig mit zusätzlichen Informationen zu beschäftigen und dabei sein Wissen und Können zu erweitern.
Um diese Art der Auseinandersetzung zu erleichtern, wird dem Anwender eine Rolle angeboten, in der er während des gesamten Moduls angesprochen wird.
Ein Beispiel: Wir befinden uns am Beginn des Moduls „Kompetenz zur Gestaltung von Lernumgebungen“: Der Anwender wird in der Rolle eines Referendars angesprochen, der erst vor kurzem an die Schule gekommen ist. Im Vorstellungsgespräch habe er erwähnt, dass er sich in seinem Studium intensiv mit dem Einsatz neuer Medien in der Schule beschäftigt habe. Er gelte daher insgeheim in der Schule bereits als „Medienexperte“ und müsse sich auf diverse Bitten und Wünsche von Schülern, Lehrern, Eltern und Rektor gefasst machen. Sämtliche Aufgaben und Probleme, die dem Anwender während der Bearbeitung des Moduls gestellt werden, sind auf dieses Szenario abgestimmt. So wird der Anwender gebeten, einer Lehrerin bei der Einrichtung einer Medienecke zu helfen; Kollegen wollen Tipps zur Auswahl von Lernsoftware oder einen Rat in Bezug auf den Umgang mit Computerspielen – dürfen in der Pause auch „Ballerspiele“ gespielt werden oder sollte eine Schule diese Art von Zeitvertreib gar nicht unterstützen?
Zu jedem Fall gehören verschiedene Unterthemen, die der Anwender in beliebiger Reihenfolge bearbeiten kann. Zu den Unterthemen gibt es ebenfalls situative Einstiegsszenen, die mit Aufgaben verknüpft sind. Für jede Aufgabe soll der Anwender am Ende einen Lösungsvorschlag machen. Dazu kann er sich auf verschiedene Weisen vorbereiten: Er kann einführende und weiterführende Texte lesen, er kann sich Videos ansehen, die weitere Informationen zur Einstiegsszene enthalten, oder kann sich Interviews mit Experten anhören, die das Thema aus verschiedenen Perspektiven betrachten.
Wenn der Anwender eine Lösung erarbeitet hat, schreibt er diese auf und sendet sie an ein Diskussionsforum, das ihm die Möglichkeit zum Austausch mit anderen MeKoLLI-Teilnehmern bietet. Sind alle Unterthemen bearbeitet, kann der Anwender seine Arbeitsergebnisse wie Puzzleteile zusammensetzen und sich noch einmal dem übergeordneten Fall, also der thematischen Klammer des jeweiligen Moduls, zuwenden. Dieser übergeordnete Fall wird im Rahmen einer Präsenzveranstaltung diskutiert. Dabei gibt es die Gelegenheit, Umsetzungsmöglichkeiten des Gelernten zu erarbeiten und den Fall zu ähnlichen Situationen in Bezug zu setzen.
MeKoLLI ermöglicht also mehrere Arbeitsformen, zu denen unterschiedlichen Arten der Rückmeldung angeboten werden:
- Selbstlernphasen, in denen der Anwender sich alleine mit dem Programm beschäftigt. Dazu werden ihm in Quizform Multiple-Choice Fragen gestellt, anhand derer er sein Wissen überprüfen kann.
- Austausch und Diskussion in einem Online-Forum, in dem die Beiträge aller Kursteilnehmer vorgestellt und in einem Peer-Review-Verfahren diskutiert und kommentiert werden.
- Musterlösungen, die der Anwender mit seinen eigenen Lösungsvorschlägen abgleichen kann.
- Weiterführende Auseinandersetzung in Präsenzveranstaltungen, in denen z.B. Umsetzungsmöglichkeiten des Gelernten erarbeitet und diskutiert werden können. In den Präsenzveranstaltungen kann außerdem über ähnliche Problemsituationen nachgedacht und so ein Transfer des Gelernten angeregt werden.
Das Programm ist insofern ein Angebot im Sinne des „Blended Learning“ (vgl. z.B. Reinmann-Rothmeier 2003), also des „vermischten Lernens“, bei dem Offline-, Online- und Präsenzelemente kombiniert werden.
Ausblick
Für die Lehreraus- und weiterbildung gibt es im Bereich fall-orientierter Lernanwendungen nur wenige Angebote. Bislang umfassen die Lernanwendungen in diesem Bereich vorwiegend Materialsammlungen und Kommunikations-Tools, die online zur Verfügung gestellt werden. Wenn überhaupt, werden die Angebote lediglich an einigen Stellen um anwendungsbezogene Aufgabenstellungen im Sinne von Transferaufgaben ergänzt.
Ausgehend von den theoretischen Vorüberlegungen ist die Entwicklung einer fall-basierten Lernanwendung mit Multimedia zur Förderung medienpädagogischer Handlungskompetenz ein viel versprechender Ansatz.
Literatur
- Blömeke, Sigrid (2000): Medienpädagogische Kompetenz. Theoretische und empirische Fundierung eines zentralen Elements der Lehrerausbildung. München
- Reinmann-Rothmeier, Gabi (2003): Didaktische Innovation durch Blended Learning. Leitlinien anhand eines Beispiels aus der Hochschule. Bern
- Schank, Roger; Cleary, Chip (1995): Engines for Education. Hillsdale, NJ: Erlbaum Assoc.
- Online-Ausgabe verfügbar unter URL: http://www.engines4ed.org
- Weinert, F. E. (2001). Vergleichende Leistungsmessung in Schulen – eine umstrittene Selbstverständlichkeit. In: F. E. Weinert (Hrsg.): Leistungsmessungen in Schulen. Weinheim/ Basel, S. 17-31.